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Was passiert, wenn ein Narzisst sich durchschaut fühlt

Eine Hand zieht den Vorhang nach unten, ein Symbolbild dafür was passiert, wenn ein Narzisst sich durchschaut fühlt

Was passiert, wenn ein Narzisst sich durchschaut fühlt, gehört zu den Momenten, die viele Angehörige am meisten fürchten – und zugleich am wenigsten verstehen. Denn während die meisten Menschen auf ehrliches Feedback mit Nachdenken reagieren, löst es bei einem narzisstischen Gegenüber oft eine Kettenreaktion aus, die wenig mit der ursprünglichen Situation zu tun hat.

Warum Durchschautwerden für einen Narzissten so bedrohlich ist

Der Psychoanalytiker Heinz Kohut prägte dafür 1972 den Begriff der „narzisstischen Wut“ – eine Reaktion auf das, was er als narzisstische Kränkung bezeichnete: den Moment, in dem das aufgebaute Selbstbild bedroht wird, weil das dahinterliegende, oft brüchige Selbst sichtbar wird. 

Wenn du einen Narzissten durchschaust, passiert genau das: Du siehst hinter die Fassade. Und weil diese Fassade nicht nur Image, sondern tatsächlich Selbstschutz ist, wird sie mit einer Vehemenz verteidigt, die für Außenstehende oft völlig unverhältnismäßig wirkt. Psychologen sprechen hier von einer sogenannten Scham-Wut-Spirale: Die Scham über das Enttarnt-Werden wird sofort in Wut umgewandelt, weil Wut sich weniger verletzlich anfühlt als Scham.

So reagiert ein Narzisst, wenn er sich durchschaut fühlt

Eine britische Interviewstudie mit sieben Partnerinnen und Partnern narzisstischer Menschen hat genau diese Reaktionsmuster systematisch untersucht (Green & Charles, 2019). Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Reaktion je nach Typ deutlich unterscheidet.

Bei grandiosen Narzissten löst das Gefühl, durchschaut zu werden, häufig offene Wut aus. In den Interviews berichteten die Teilnehmenden von aggressiven Ausbrüchen genau in den Momenten, in denen sie sich gegen die Kontrolle ihres Partners wehrten oder ihm widersprachen – teils mit Drohungen, teils mit offener Herabwürdigung. Der Antrieb dahinter ist fast immer derselbe: Wer die Kontrolle über die Deutungshoheit verliert, versucht sie mit Nachdruck zurückzuerobern.

Bei verdeckten Narzissten zeigt sich ein anderes Muster. Hier steht weniger die Wut im Vordergrund als die Angst vor dem Verlassenwerden. Wird ein verdeckter Narzisst durchschaut, reagiert er der Studie zufolge häufiger mit Rückzug, Schmollen oder dem gezielten Einsatz der Opferrolle – manchmal so überzeugend, dass das Gegenüber am Ende selbst das schlechte Gewissen hat.

Über beide Typen hinweg fanden sich zwei weitere wiederkehrende Muster. Das erste ist Schuldumkehr: Statt sich mit dem Vorwurf auseinanderzusetzen, wird die verantwortliche Person plötzlich selbst zur Angeklagten. Dieses Muster ist inzwischen auch wissenschaftlich unter dem Begriff DARVO bekannt – kurz für „Deny, Attack, Reverse Victim and Offender“: leugnen, angreifen, Opfer- und Täterrolle vertauschen. Das zweite Muster ist Gaslighting: die Wahrnehmung der Situation wird so entschieden infrage gestellt, dass das Gegenüber anfängt, an sich selbst zu zweifeln – ein Verhalten, das die Studie von Green und Charles (2019) bei mehreren Teilnehmenden unabhängig voneinander beschrieben fand.

Nicht selten folgt auf die akute Reaktion eine längerfristige: die Abwertung der Person, die einen Narzissten durchschaut hat – teils offen im gemeinsamen Umfeld, teils subtiler durch Distanzierung und Liebesentzug.

Was das für dich als Angehörige oder Partnerin bedeutet

Wenn du dich in einem dieser Muster wiedererkennst, ist wichtig zu wissen: Die Heftigkeit dieser Reaktion sagt nichts darüber aus, ob du im Recht warst. Sie sagt vor allem etwas darüber aus, wie sehr sich der andere bedroht gefühlt hat. Das entschuldigt keine Aggression, keine Drohung und keine Schuldumkehr – aber es kann helfen, dich selbst nicht länger dafür verantwortlich zu machen, „etwas falsch gesagt“ zu haben. Solltest du dich in einer Situation wiederfinden, in der Drohungen oder Gewalt im Raum stehen, hat deine Sicherheit immer Vorrang vor jedem Versuch, die Beziehung zu retten oder das Gespräch zu Ende zu führen – hol dir in diesem Fall Unterstützung bei einer Beratungsstelle oder im Ernstfall bei der Polizei.

Viele Frauen, die genau solche Situationen erlebt haben, berichten mir, dass sie die Trennung im Kopf längst als richtig verstanden haben – und trotzdem den Menschen vermissen, der sie am tiefsten verletzt hat. Wenn dir das bekannt vorkommt, ist mein kostenloser Newsletter „Vom Kopf in den Körper“ für dich gemacht: kurze, ehrliche Impulse und kleine körperorientierte Übungen für Frauen, deren Gefühle nach einer toxischen Beziehung noch festgefroren, überflutet oder durcheinander sind, während der Kopf längst weiß, dass die Trennung richtig war.

Passend dazu empfehle ich dir noch diese Beiträge:

Katharina Samoylova

Psychologin und Mentorin

Mail: info(at)katharinalova.de

Hilfe bei Narzissmus

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